SEGELN, HAGEL UND EIN LEBEN IN BOCKENDER SCHRÄGLAGE

 

2. Reisetag

Middelfart – Grena, DK (55°30´47´´N, 010°55´´55´´E)

Segeln, Hagel und ein Leben in bockender Schräglage

Es weht eine frische Brise, als wir heute Morgen die Köpfe aus den kuschelig warmen Kojen nach draußen ins Cockpit stecken. 5°C, 5-6 Beaufort (bft), aber immerhin kommt die Sonne ab und zu durch. Das tiefhängende Grau in Grau des gestrigen Tages ist verschwunden. Mit einem super Frühstück lassen wir den Blick über das Panorama des alten Hafens der ehemaligen Fischer- und Fährstadt Middelfart schweifen. Die große, spätromanische, rote Ziegelkirche St. Nicolaj dominiert den alten Ortskern. In den terrassierten Gärten der Häuser am Hafenhang leuchten die Frühjahrsfarben fröhlich auf, wenn die hoch aufquellenden Cumuluswolken der Sonne eine Lücke lassen. Es ist Donnerstagmorgen. Kaum jemand ist unterwegs auf der Hafenstraße. Und die Wenigen zeigen mit ihren dicken Jacken und den hochgezogenen Schultern, dass auch den Dänen die Mai-Temperaturen noch eher zu winterlich sind.

Schaumgetupfte auf See und Aprilwetter im Mai

Wir legen ab und manövrieren uns rückwärts aus dem engen Hafenbecken in den starken Querstrom des kleinen Belts. Zwischen der Insel Fünen und dem dänischen Festland verengt sich der kleine Belt zu einer in Teilen nur 0,5 Seemeilen breiten, flussartigen Landschaft. Bei entsprechenden Windrichtungen drückt hier ein Teil des gesamten Ostseewassers mit entsprechender Strömung nach Norden, oder wie heute nach Süden. Wir haben anhaltende kräftige nordwestliche Winde und damit einen entsprechenden Gegenstrom von 4,5 kn. Ein Gefühl wie Fahrradfahren bei Sturm von vorn. Unmittelbar nach dem Passieren der kleinen Beltbrücke setzen wir das gereffte Schonersegel und die Fock. Das Großsegel bleibt aufgetucht. Schoner- und Großsegel haben jeweils 90 qm Segelfläche. Unter den herrschenden Bedingungen reicht uns der gereffte Schoner mit 40 qm und die Fock mit 45 qm völlig aus, um auch im Gegenstrom noch gut voranzukommen.

Hart am Wind nach Norden

Die Wettervorhersage spricht von 6-7 bft Windstärke, zunehmend auf 8 bft aus Nordwest. Da unser Generalkurs nach Norden zeigt, bekommen wir den Wind schräg von. Wir segeln also „hart am Wind“. Bei solchen Kursen erhöht sich die tatsächliche Windgeschwindigkeit noch durch die Fahrtgeschwindigkeit zum sogenannten „scheinbaren Wind“. In unserem Fall wird also aus 25 bis 35 kn tatsächlicher Windgeschwindigkeit durch 8 bis 13 kn Fahrt ein „scheinbarer Wind“ von 30 bis 45 kn, also satten 8 bis 9 Beaufort. Für die MAREVIDA mit ihren 38 Tonnen und der gewählten Besegelung kein Problem. Mit rauschender Fahrt schiebt sie ihren scharfen Bug durch die aufgewühlte See. Die kurze harte Ostseewelle schickt ein paar steile Seen über das Vorschiff. Der Blick aus dem Deckshaus sieht manchmal grünes Wasser wie auf Unterwasserfahrt. In der aufgeworfen Bugwelle, die durch den stürmischen Wind sofort zu feiner Gischt verweht wird, bilden die Sonnenstrahlen kleine Regenbögen. Eher Wintersegeln, aber reinste Freude. Wir lassen den Velje Fjord mit seinen mächtigen, gerade frisch ergrünenden Buchenwäldern und den Horsens Fjord mit seiner großen, grauen Raffinerie an Backbord, sowie die Insel Samsø an Steuerbord. Diese sanft anmutende Insel, ihre im Sommer wogenden Kornfelder, großen Heideflächen und Moore haben wir von früheren Reisen in sehr schöner Erinnerung. Schon in der frühen Steinzeit besiedelt war Samsø auch für die Wikinger ein wichtiger Stützpunkt auf ihren Eroberungs- und Handelsrouten in den Ostseeraum. Nördlich Samsø´s verlassen wir die bisher relativ geschützten Küstengewässer und die weit ins Kattegat hineinragende Halbinsel Djursland bringt uns nochmals eine Windbeschleunigung sowie kräftigen Seegang. Der dänische Volksmund nennt sie „tropfende Nase“, wobei der Tropfen durch die südliche Halbinsel Helgenæs dargestellt wird. Die tropfenden Nasen haben wir allerdings nicht nur symbolisch. Die 5° C Außentemperatur fühlen sich hier auf dem Wasser bei Boen von 8 Beaufort wie beißende 5 Minusgrade an. Immer wieder lösen leichte Schneeschauer die anfänglich sonnigen Abschnitte ab und tun ein übriges, um uns auf den Polarkreis einzustimmen. Gerade in solchen Situationen ist es immer wieder absolut bewundernswert, wie Fischer und Seeleute früherer Jahrhunderte solche Wetterlagen trotz ihrer einfachen Bekleidung überstanden haben. Wir tragen als unterste Lage Merinowolle, als midlayer eine dick gefütterte Funktionslatzhose nebst Jacke und darüber gutes, atmungsaktives Ölzeug bzw. unsere gefütterten Überlebensanzüge. Und natürlich dicke Mützen, Merinostrümpfe und Seestiefel. So gerüstet ist uns bis auf die Nasen nicht kalt. Aber damals? Als Walfänger monatelang an der Packeisgrenze unterwegs zu sein, als Fischer in den immer rauen Gewässern des Nordens arbeiten zu müssen, war unvorstellbar hart und oft erbarmungslos. Wir „Büromenschen“ freuen uns schon nach „nur“ 90 Meilen und acht Stunden unter Segeln auf den Hafen Grena. Freuen uns auf ein Schiff ohne Bocksprünge und beschwerliche Schräglage, auf eine warme Suppe, eine gute Bordheizung und dann eine ordentliche Mütze voll Schlaf.

Die Sicht wird null und der Himmel bunt

Der Ansteuerungskurs zum Hafen liegt bereits liegt an. Wir ahnen die Stadt schon von weitem. Die Silhouette der Fabriken und hohen Schornsteinen heben sich deutlich von der hier flachen Küste ab, als eine immer dunkler werdende Wolkenwand über dem Festland aufkommt und uns sicherheitshalber die Segel schon auf See bergen lässt. Die tief dunkelgraue Wand mit einem ungewöhnlich hellgrauen Saum im unteren Viertel schiebt sich als ein undurchdringlicher Vorhang in großer Breite von ca. 20 km vor die Festlandskonturen. Und dann bricht es um uns herum los. Ein Hagelsturm. Das Unwetter nimmt uns jede Sicht. Die Hagelkörner sind in ihrer Wucht selbst durch Mütze und Kapuze sehr deutlich zu spüren. Beschleunigt durch den stürmischen Wind prasseln sie schmerzhaft, fast waagerecht in unsere Gesichter. Trotz Schutzbrille (Skibrille) ist es uns nicht mehr möglich, in Windrichtung – in diesem Fall unsere Fahrtrichtung zum Hafen – zu sehen. Wir stoppen die Maschinen. Durch den dichten Hagel ist nicht mal mehr unser Bug auszumachen, die Sichtweite beträgt keine 20 Meter. Ohne das Radarbild wären wir buchstäblich blind. Da keine anderen Schiffe in unserer Umgebung sind, warten wir den Spuk auf See ab. Nach etwa 20 Minuten ist alles vorbei. Das Deck und Cockpit aber ist mit einer 5cm dicken, rutschigen Schicht an Hagelkörner gefüllt. Was für ein Schauspiel!

Nach Durchzug der Front gibt es den krönenden Schlussakkord: ein gigantischer Regenbogen flammt durch die Abendsonne auf und zaubert über unserer Hecksee auf dem Meer einen kompletten Halbkreis. Er bleibt an den Himmel gemalt, bis wir in Grena längsseits an der Ostkaje festgemacht haben. Ein fantastischer Abschluss eines harten, nassen, kalten aber mit bis zu 13 Knoten Fahrt auch schnellen Segeltages. Wir sind müde, aber sehr zufrieden.

 

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