NORWEGEN „BEHIND THE CURTAIN“

 

NORWEGEN ”behind the curtain“

Stavanger (58°58,30´N, 05°43,70´E)


Die Ölnation

Der Muezzin ruft zum Gebet, seine Stimme hallt durch den Abend, die Sonne senkt sich hinter den Dünen, auf deren Kamm die endlose Weite der Wüste den Blick auf eine Karawane freigibt, die sich gemächlich ihrem Nachtlager nähert. Im Hintergrund glitzernde Retortenstädte mit Hochhausgiganten und die Ölbohrtürme, die das Schwarze Gold, das dem Mittleren Osten noch immer seinen Reichtum beschert, aus der Erde pumpen.

Sind das nicht die Bilder, die wir vor Augen haben, wenn wir an Erdöl denken? Das mächtige Saudi-Arabien, die Vereinigten Emirate, der Iran, der Irak?
Frühgeschichtlich sind diese Länder eine der Wiegen der Menschheit. Buchstäblich aufgestiegen aus dem Staub der Wüste stehen sie heute für einen unglaublichen Reichtum und Wohlstand eines Teiles ihrer Bürger. Jedoch auch für einen sehr fragwürdigen Umgang mit Themen wie Ökologie, Demokratie und Menschenrechte.

Unsere MAREVIDA aber segelt entlang der norwegischen Nordseeküste, durch raue, unberührte Areale, hinein in traumhafte Fjorde, vorbei an majestätisch wirkenden Felsformationen, eine Schönheit der Natur, die uns oft den Atem anhalten lässt.

Das „neue“ Norwegen ist ebenfalls ein Land des hohen Lebensstandards. Ein Land der sehr gepflegten Dörfer und Städte, der guten Infrastruktur, das Norwegen des Wohlstandes, der geringen Arbeitszeiten, der entspannten Menschen.  

Schwarzes Gold aus dem Meer

Bei unserer Ankunft in Stavanger ist es nicht zu übersehen: Norwegen ist nicht nur reich an überwältigender Natur, sondern auch an Erdöl. Seit den ersten Funden im Jahr 1969 beschert es ihm Reichtum, Wohlstand, politische Macht und Unabhängigkeit. Auch Norwegens Erdgas-Ressourcen gehören zu den größten der Welt. Und der Strom wird zu 95% aus Wasserkraft gewonnen.

Norwegen gehört nicht der Europäischen Union an, ist jedoch durch seine geopolitische Lage und als Mitglied der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) eng mit der EU verbunden. Das Land ist Mitglied der NATO, der OECD und natürlich der Vereinten Nationen.

Norwegens Werdegang in den Reichtum lässt sich laut einem Artikel des Auswärtigen Amtes vom 12.03.2019 wie folgt darstellen: Seit der Erschließung seiner Öl- und Gasreserven ab 1972 vollzog Norwegen eine enorme wirtschaftliche Entwicklung. Aus einem der ärmeren europäischen Länder, geprägt vor allem durch Schifffahrt, Fischfang, Land- und Forstwirtschaft, wurde einer der größten Öl- und Gasexporteure der Welt.

Um diesen Status auch langfristig und damit für zukünftige Generationen zu sichern, fließen die Gewinne aus Erdöl und Gas in weit überwiegendem Teil in einen staatlichen Pensionsfonds. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass eine starke Rolle des Staates in der Wirtschaft zum Grundkonsens der norwegischen Gesellschaft und Politik gehört! Bedeutende Unternehmen befinden sich daher noch ausschließlich bzw. mehrheitlich in staatlicher Hand – die aktuelle Regierung unter Ministerpräsidentin Solberg strebt allerdings eine Reduzierung des Staatsanteils an ausgewählten Unternehmen an. 

Norwegen und ein paar Zahlen

Norwegen ist weltweit der 15. größte Lieferant für Erdöl sowie Europas zweitgrößter Gaslieferant. Der Staat gilt als praktisch schuldenfrei mit einem der weltweit höchsten Pro-Kopf-Einkommen von durchschnittlich € 60.000/Jahr bei € 0,00 Staatsschulden (2018) – sein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf war 2018 das dritthöchste der Welt.

Die Grundlage des norwegischen Wohlstandes ist der einzigartige Mix von Rohstoffen und deren effiziente Gewinnung und Nutzung (Öl, Gas, Strom aus Wasser- und Windkraft, Fisch und zu einem geringen Anteil Holz). Das Norwegische Erdölmuseum in Stavanger – www.norskolje.museum.no – veranschaulicht in beeindruckender Weise die wirtschaftliche Entwicklung Norwegens nach dem Beginn der Erdölförderung durch Offshore-Bohrungen.

Die Arbeitslosenrate lag im Januar 2019 bei 3,9% , die Jugendarbeitslosigkeit allerdings bei 10,6%. In Bereichen des Handwerks, des Service und zum Beispiel im gesamten Medizinsektor werden dringend Arbeitskräfte gesucht – auch aus dem Ausland. Demgegenüber bestand in Deutschland im Januar 2019 eine Arbeitslosenrate von 3,3% und eine Jugendarbeitslosigkeit von 5,7%. Ein interessanter Vergleich zwischen diesen beiden Ländern. Statista.com beziffert die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien im März 2019 mit erschreckenden 33,7% und in Griechenland sogar mit 39,7%!

Norwegen ist Europas größter Wasserkraftproduzent und kann aufgrund seiner großen Ressourcen seinen eigenen Elektrizitätsbedarf zu über 95% aus Wasserkraft decken! Darüber hinaus hat das Land beste Voraussetzungen für die Produktion von Windenergie, die – häufig in den einsamsten Naturregionen – gerade ausgebaut wird. Diese Projekte sind ökologisch durchaus umstritten und werden unter deutscher Beteiligung realisiert.

Steigende Zahlen kann auch der Tourismus verzeichnen: Deutsche Gäste stellen die größte Besuchergruppe dar.

Ausgesprochen ambitioniert ist Norwegen im Bereich der Elektromobilität – der NDR berichtete hierzu am 26.05.2019 in einer Sendung aus dem Landesfunkhaus Schleswig-Holstein Kiel unter dem Titel: „Norwegen, Vorreiter in der Elektromobilität auf der Strasse und zu Wasser“ – siehe auch unseren Blog über die Nutzung von Landstrom durch Kreuzfahrtschiffe.

Das manager-magazin.de schreibt am 26.10.2018, dass in 2018 rund 47-49% der neu zugelassenen Autos reine Elektroautos bzw. solche mit Hybridantrieb waren. Spiegel online veröffentlicht am 01.02.2019, dass Käufern von Elektroautos die Mehrwertsteuer von 25% sowie die Importkosten erlassen werden. Sie erhalten Steuersubventionen pro Fahrzeug, profitieren von kostenlosen Parkplätzen und können an über 4000 Ladestationen Strom gratis tanken. Die norwegische Regierung kündigte in 2017 bereits an, dass ab 2025 keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr verkauft werden dürfen.

Dass Norwegen auf der anderen Seite Straßen, Plätze und Gehwege zum Teil durch „Fußbodenheizung“ im Winter eisfrei hält und dass der Run in die Elektromobilität keinen Unterschied zwischen SUV und Kleinwagen macht, freut Marken wie Tesla. In Punkto Ökobilanz ist hier vermutlich noch Potenzial.

Viel Land, wenig Mensch

Laut einer Erhebung von 2019 leben in Norwegen auf einer Fläche von 385.207 km2 nur 5.328.212 Bewohner. Die Mehrheit der Norweger konzentriert sich auf den Süden des Landes mit der Hauptstadt Oslo. Weitere norwegische Städte sind Bergen, Trondheim und Stavanger. Im Vergleich zu unseren nordischen Nachbarn hat Deutschland eine Fläche von 357.578,17 km2 mit einer Einwohnerzahl von ca. 83 Millionen!

Was kostet der Wohlstand ?

Dem Bericht der Deutschen Handelskammer vom Januar 2019 zufolge, erlebt die norwegische Konjunktur derzeit einen Aufschwung, der voraussichtlich bis 2020 anhalten wird. Es sind viele Arbeitsplätze entstanden und die Arbeitslosenquote ist niedrig – siehe oben.

Laut Index der menschlichen Entwicklung (Index der Vereinten Nationen, der Lebenserwartung, Bildung und Einkommen berücksichtigt) steht Norwegen seit 2009 wieder auf Platz 1 und gilt als das weltweit am weitesten entwickelte Land, das eines der großzügigsten und besten Sozialsysteme vorweisen kann, basierend auf Gleichheit und Gerechtigkeit!

Die Wohlfahrt hat natürlich ihren Preis, denn die erwirtschafteten Gewinne aus dem Erdöl- und Gasgeschäft werden eisern angespart. Investitionen in die Infrastruktur, etwa Brücken, Tunnel, Autobahnen, werden zum Teil durch eine Maut finanziert. Diese wird so lange erhoben, bis das Investment zurückgezahlt ist. Das Projekt bleibt im Staatsbesitz.

Obwohl Norwegen ein Ölförderstaat ist, sind die Benzinpreise 5-10% höher als in Deutschland.

Die Mehrwertsteuer beträgt 25% und die Einkommenssteuer liegt je nach Verdienst zwischen 25-38,7%. Sondersteuern fallen auf Alkohol, Tabak, Benzin und Unterhaltungselektronik an. Steuerhinterziehung wird unnachgiebig bestraft und einmal im Jahr werden die entsprechenden Daten der einzelnen Kommunen in den jeweiligen Tageszeitungen veröffentlicht. Den „gläsernen“ Norweger gibt es spätestens seit der elektronischen Datenerfassung. Das hat zur Folge, dass die Verdienst-, Vermögens- und Steuergeheimnisse vollkommen unbekannt sind und das Königreich in mancher Hinsicht ein Erfassungsstaat ist.

Was macht uns in unserem Innersten glücklich?

Diese Fragen stellen wir uns und unseren Gesprächs- und Interviewpartnern auf unserer langen Reise in den äußersten Norden des Landes immer wieder: Wie erlebt Ihr die Umwelt um Euch herum? Welche positiven, negativen Veränderungen habt Ihr erlebt? Gibt es etwas zu verändern? Welches Umdenken wäre hierzu erforderlich? Was macht dich in deinem Innersten glücklich? Was erfüllt dich?

Diesen und weiteren Fragen und Antworten spüren wir auch in unseren Interviews nach, die wir im Verlauf der Reise zunächst in Auszügen auf diese Webseite veröffentlichen.

WAS BEDEUTET FÜR SIE, FÜR EUCH GLÜCK?

Gibt es über diese Frage überhaupt einen universellen Konsens, oder ist dessen Definition ausschließlich individuell?

Macht Wohlstand glücklich?

Alle soziologischen Studien belegen, Wohlstand und die daraus resultierende Sicherstellung der Existenz bedeuten für viele Menschen eine sehr wesentliche Grundlage ihres Lebensglücks.  

Und die Umwelt, in der wir Leben ?

Auf dieser Reise erfahren wir die Natur in ihrer Großartigkeit, Schönheit, Macht und zugleich Verletzlichkeit – ihr Zauber, ihre Ruhe und ihre Einsamkeit nehmen uns gefangen. Immer wieder aufs Neue erleben wir, dass WIR es sind, die die Natur für unser Überleben und noch vielmehr für unser Glücklichsein brauchen. Wir verspüren das Bedürfnis, sie regelrecht einzuatmen und uns wird immer wieder bewusst, dass WIR aus IHR hervorgehen, ein Teil von ihr sind. Zerstören wir die Natur und ihre Lebewesen weiter, zerstören wir uns und nehmen unseren Kindern ihre Zukunft. Wir tragen nicht nur die Verantwortung für uns, sondern auch für Tiere und Pflanzen, die unserem Handeln ausgesetzt sind.

In vielen unserer Gesprächen wird deutlich, dass auch die Norweger trotz der Weiten ihrer Natur, in großer Sorge über die, selbst hier in diesem dünn besiedelten Land, deutlich zu spürenden Veränderungen sind. Die norwegische Regierung scheint dieses erkannt zu haben und bemüht sich, weltweit eine Vorreiterrolle zum Schutz der Umwelt einzunehmen. Aus einem Bericht von „Energi Norge“, einem Non-Profit-Industrieverband der norwegischen Stromerzeuger, geht hervor, dass Norwegen das Glück hat über die erneuerbaren Ressourcen zu verfügen, aber auch den politischen Willen besitzt, diese zu nutzen, um das erste Land der Welt zu werden, das ausschließlich saubere Quellen für seinen Energiebedarf nutzt.

Doch diese guten Vorsätze sind auch in diesem Land nicht ohne Brüche. So wird z.B. die Erschließung neuer Erdölvorkommen in den sensibelsten Regionen dieser Welt – der Arktis – vorangetrieben. Trotz Kritik in den eigenen Reihen.

Macht Wohlstand bequem? Verhindert er das Entwickeln kritischer Diskussion? Nimmt er vielleicht auch den Mut, neue Gedanken zu formulieren und gegen den Mainstream auszusprechen? Bisher konnten wir das nicht feststellen. Doch auch unsere norwegischen Interviewgäste formulierten ähnliche Gedanken und Sorgen.

Und was macht der schnelle entwickelte Wohlstand, hart und oft unter Lebensgefahr auf den Offshore-Plattformen erarbeitet, mit den Familien? Was ist mit der zweiten Generation, die es nicht anders kennt?

Das Norwegischen Erdölmuseum – www.norskolje.com – gab hierzu einen Film unter dem Titel „Ölkind – Oljeunge) in Auftrag. Er erzählt, leider exclusiv nur dort zu sehen, die Geschichte von Thomas, der 1969 geboren ist. Im Jahr des ersten Ölfundes, gefolgt von einem regelrechten „Ölrausch“. Der Film schildert auf berührende, sehr persönliche Weise, wie sich Norwegen und seine Menschen in den darauffolgenden Jahrzehnten als Ölnation verändert haben, und wie selbstverständlich und intensiv sie sich bemühen, trotzdem den engen Bezug zur Natur nicht zu verlieren. Sowohl das Museum als auch der Film sind sehr sehenswert!

Wir sind zwar erst seit einer Woche in Norwegen, aber wir fragen uns dennoch:

Spüren wir einen Spirit of Norway ?

Eine erste Bilanz: Wir erleben die Norweger als sehr warmherzig, die uns mit großer Offenheit, Hilfsbereitschaft und unverstelltem Interesse entgegentreten und uns in ihrem Land willkommen heißen. Wir erleben sie als äußerst naturverbunden, sehr familienbezogen, selbstbewusst, gleichberechtigt und authentisch. Das gibt uns ein schönes Gefühl, hier zu sein.

Der Tag in Stavanger und die Menschen, die uns begegnen und uns so großzügig in ihr Leben lassen, sind für uns ein großes Geschenk.

Die Sonne verschwindet hinter grauen, aufziehenden Regenwolken und macht der schon kürzer werdenden Nacht Platz. Die Dunkelheit ist sternenlos und doch fühlen wir uns und unsere MAREVIDA durch sie umhüllt und beschützt. Der Tag und seine Eindrücke begleiten uns bis weit in die Nacht, erfüllt von Dankbarkeit, diese Reise erleben zu dürfen.

 

 

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