EINE SAGENHAFTE PRINZESSIN, EIN GEFÄHRLICHES KAP UND FRISCHER FISCH

 

Eine sagenhafte Prinzessin, ein gefährliches Kap und frischer Fisch

Måløy – Ankerbucht `Rolfsbukta´ vor RAUDØYA ( °43,08´N, 00 °17,17´E)

Unter flüchtiger Morgensonne lösen wir die Leinen und nehmen Abschied von Måløy. Dank der sehr sympathischen Begegnungen und Gespräche mit Kari und Per-Otto werden uns der gestrige Tag und diese beiden besonderen Menschen in bester Erinnerung bleiben!

Kari hatte uns gestern auch den Kontakt zu Doris vermittelt. Die Deutsche lebt seit vielen Jahren in dem kleinen Ort Selje, etwa 20km nördlich von Måløy. Ihr norwegischer Ehemann ist leider vor kurzem verstorben. Obwohl sie seitdem nicht mehr als Tourguide tätig ist, erklärt sie sich trotzdem spontan bereit, mit uns über die sagenumwobene Insel Selja zu wandern. Sie führt uns zur dortigen Klosterruine und ermöglichst uns die Begegnung mit Prinzessin Sunniva, einer außergewöhnlichen Frau irischer Abstammung, die bis heute die einzige Heilige Norwegens ist.

Wir laufen also zunächst den kleinen Fischerhafen Selje (62°02,9´N 005°19,3´E) an und nehmen Doris an Bord. Schon auf der Fahrt zum Hafen hatten wir vorsichtig ausgelotet, ob der kleine Anleger aus Bruchstein an der Ostküste der gegenüberliegenden Insel Selja für uns ohne aufzulaufen als Anleger taugt. Er taugt. So legen wir also nach kurzem „Fährdienst“ von Selje nach Selja mit Doris hier an.

Tief hängende Wolken, eine verwunschene Insel und ihre starke Frau

Die Insel Selja (62°02,7´N 005°20,4´E) liegt inmitten einer Jahrtausende alten Schifffahrtsstraße entlang der norwegischen Küste. Im Nordwesten ragt drohend das auch heute noch in der Seefahrt gefürchtete Statt ins Meer. In der windgeschützten kleinen Bucht Selja´s warteten die Schiffe früher auf gutes Wetter, bevor sie für die gefürchtete Strecke auf offener, hier selbst unter besten Bedingungen immer rauer See, um die Halbinsel Stattlandet nach Norden in See stachen. Noch im Mittelalter war Selja ein bekannter Ort, wo die Mannschaften auch auf ihren Seereisen nach Süden, nach Bergen und Oslo, oder nach Westen über die Nordsee nach Island, auf die Faröer oder nach Grönland eine Ruhepause einlegten und Kraft tankten.

Schon weit in vorchristlicher Zeit war Selja besiedelt und es wurde Landwirtschaft betrieben. Für uns kaum vorstellbar bei den moorigen Böden und den kleinen Vegetationsflächen zwischen den Schärenfelsen. Heute wird sie nur noch von einer Familie dauerhaft bewohnt.

Schon beim Betreten der Insel nimmt uns die Einsamkeit und Ruhe, die Natur mit ihrer sanft hügeligen Heidelandschaft gefangen. Vom Anleger windet sich ein schmaler ausgetretener Pfad entlang der weich gewellten Küste. Heideflächen, kleine Tümpel und Moore, saure Wiesen gesprenkelt mit den runden Buckeln größerer Schärenfelsen, ein paar Schafe. Unser Blick weitet sich über den Sund bis zum Kap Statt, das passend zu seinem Ruf durch dunkelgrau drohende Wolken am Horizont eingerahmt wird. Es ist diesig, vereinzelt fällt ganz leichter Nieselregen. Die Luft ist mild. Unsere Stimmung ist ungewohnt erwartungsvoll und gespannt. Nach einer erneuten Windung des Pfades um einen großen Felsvorsprung erhebt sich, wie aus dem Nichts, trutzig und unwirklich der Trumm der Klosterruine. Das nordisch fahle Licht dieses grauen Tages leuchtet die Ruine fast mystisch theatralisch aus. Wir rücken zusammen. Wir singen. Spontan. Keiner von uns ist regelmäßiger Kirchgänger oder eingebettet in einen strengen Glauben. Und trotzdem. Die Situation lässt uns zusammen singen. Ein zaghaft beginnendes, dann klares und fröhliches `Halleluja´. Annas wunderschöne Stimme in dieser Landschaft. Wir alle zusammen im Refrain. Schön! Für uns, hier in dieser Stimmung, richtig und gut.

Die Insel Selja, auf der Prinzessin Sunniva einst Zuflucht fand, entwickelte sich dank ihr zu einem bedeutenden Wallfahrtsort, der bis heute zu Norwegens zentralen Pilgerzielen gehört.

Wir können das gut nachempfinden.

Doris führt uns weiter in die Mauerreste der ehemaligen Klosterkirche, die nicht entweiht und noch heute für Trauungen unter freiem Himmel genutzt wird. Und sie erzählt.

Prinzessin Sunniva

Beginnen wir also die Geschichte von vorn: Prinzessin Sunniva kam im 10. Jahrhundert als Tochter eines irischen Königs auf die Welt. Ihre genauen Lebensdaten sind nicht bekannt. Überliefert ist, dass sie wohlbehütet, wohlhabend und im christlichen Glauben aufwuchs.

Die Christianisierung Britanniens und in Folge dessen der irländischen Bevölkerung begann im 4. Jahrhundert, als sich die Römer aus Britannien zurückzogen. Im Jahr 431 entsandte Papst Coelestin der Erste Bischof Palladius mit dem Auftrag nach Irland, sich um die dortigen Christen zu kümmern. Ihm folgte wahrscheinlich bereits ein Jahr später der Brite Patricius (Sohn eines römischen Offiziers, im katholischen Glauben erzogen), der bis heute als Heiliger Patrick verehrt wird.

Aber zurück zu „unserer“ Prinzessin: Der Sage nach stellte sie das Schicksal vor eine schwere Prüfung, als ihre Eltern plötzlich starben und ein heidnischer Adliger durch eine Ehe mit ihr seine Macht und sein Land erweitern wollte. Sunniva galt als sehr schön, reich und klug. Sie widersetzte sich ihm – für die damalige Zeit eine außerordentlich mutige Haltung. Und so blieb ihr und einigen Getreuen nur ein Ausweg: die Flucht! Mit drei Ruderbooten verließen sie Nordirland um, sobald sie außer Sichtweite die offene See erreicht hatten, die Ruder wegzuwerfen und sich gänzlich in Gottes Hand (und damit den Strömungen des Nordatlantikstroms) zu begeben. Von Wind und Drift getrieben und zwischenzeitlich getrennt, gelangten sie in Westnorwegen an Land, wurden verfolgt, verjagt und schließlich nach einem Sturm auf die Insel Selja gespült.
Betrachtet man auf der Landkarte die große Distanz, die sie zurücklegte, wird einem noch bewusster wie außergewöhnlich mutig diese junge Frau damals gewesen war. Sie wehrte sich gegen gesellschaftliche Konventionen des Mittelalters, die Frauen als minderwertig ansahen und wagte diese gefährliche Reise in eine vollkommen ungewisse Zukunft!

In einem Nebengedanken sei erwähnt, dass Prinzessinnen königlicher Abstammung bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von der eigenen Verwandtschaft gemieden und von den Medien kritisiert wurden, wenn sie sich gesellschaftlichen Konventionen widersetzten!

Die Insel war zwar unbewohnt, doch diente sie als Weidefläche der umliegenden Festlandsbauern. So fielen die Neuankömmlinge auf, waren unerwünscht, wurden mit Gerüchten überzogen, wurden erneut verfolgt, sollten mit Gewalt vertrieben werden. Der Fürst des nahen Trondheim wurde um Hilfe gebeten und sandte Bewaffnete, um die Fremden zu vertreiben. Beim Herannahen der Boote zog sich Sunniva mit ihren Begleitern in eine Höhle oberhalb des späteren Klosters zurück und bat Gott darum, nicht in die Hände der Heiden zu fallen. Der Sage zufolge wurde die Höhle in diesem Moment durch einen Erdrutsch verschlossen. Sunniva und ihr Gefolge starben den Märtyrertod. Jahre später, so die Legende, sahen vorbeireisende Kaufleute an dieser Stelle eine Lichtsäule vor dem Fels und fanden einen menschlichen Schädel. Sie berichteten Olav Trygvasson, inzwischen König von Trondheim, davon. Der ehemalige Wikingerkönig Olav war bei einer Reise nach England zum Christentum bekehrt worden und reiste 996 mit einem englischen Bischof in Begleitung nach Selja, um den Berichten der Kaufleute nachzugehen. Bei der Höhle angekommen, ließ er den Eingang räumen, fand die Gebeine der Verschütteten und – so die Sage – den als völlig unversehrt erscheinenden und wohlduftenden Körper der Sunniva. Ihr zu Ehren ließ Olav Trygvasson am Fuße der Höhle eine erste Holzkirche mit Sunnivas Schrein erbauen, später gefolgt von der bis heute in Teilen erhaltenen Klosterkirche.

Zu dieser Zeit hatte das Christentum in Norwegen erste Wurzeln geschlagen. Olav Trygvasson, verbreitete die Geschichte um Sunniva. Die Zahl der Menschen, die sich taufen ließen, wuchs. Die kleine Insel Selja gilt als die Wiege der Christianisierung Norwegens.

Sunniva wurde um das Jahr 1000 heilig gesprochen, um den Einfluss der Katholischen Kirche in Norwegen zu stärken.
Bereits 1068 wurde Selja neben Oslo und Bergen zu einem der drei Bischofssitze Norwegens. 1100 errichteten englische Benediktiner-Mönche ein Kloster innerhalb dessen Ruinenmauern wir gerade sitzen. Später wurde Sunnivas Schrein und der Bischofssitz nach Bergen verlegt.

Sunniva ist die Schutzheilige der Stadt Bergen und für Westnorwegen. Ihr Gedenktag ist der 8. Juli und jedes Jahr findet am ersten darauf folgenden Sonntag ein Gottesdienst am Fuße der Höhle statt.

Bis heute sind Pilger davon überzeugt, dass das Wasser, welches der Quelle am Fuße des Höhlenberges entspringt, Heilkräfte besitzt. Wer davon trinkt, wird von seinen Krankheiten befreit und erlangt ewige Schönheit.

Nach dem lebendigen Vortrag von Doris klettern wir den Berg hinauf zum Höhleneingang, der einen weiten Blick über die Bucht von Stattlandet bis hinaus auf die offene See bietet. Wir schauen auf die Route, die wir im weiteren Verlauf des Tages absegeln werden. Und natürlich schöpfen auch wir mit der Hand einige Schlucke des (fast) klaren Quellwasser. Man kann ja nie wissen …

Welche Verbindung besteht zwischen dem vergangenen Geschehen der Geschichte und dem derzeitigen Leben eines Menschen? Gibt es eine geistige Einheit über die Vergänglichkeit der Zeit hinweg? Wenn ja – was bedeutet das für mich, für uns?

Beim Erwandern dieser Insel, beim gemeinsamen Singen in dieser Natur vor der dickquadrigen Klosterruine, beim Innehalten und Erspüren mit welcher inneren Kraft sich damals Menschen auf den Weg machten, um Neues zu wagen und Gott zu suchen, schrumpft für uns die Dimension der Historie und verliert seine Vergänglichkeit.

Der Umgang mit Fremden und Fremdem ist auch heute, in vermeintlich aufgeklärter Zeit, häufig nicht anders als vor 1.000 Jahren. Die dünne Schicht unserer Zivilisation bekommt nur allzu schnell tiefe Risse.

Der Mut, neue Gedanken zu formulieren und gegen den »mainstream« auszusprechen, wird auch heute häufig weder respektiert noch wertgeschätzt.

Nicht zuletzt Sunnivas unglaubliches Vertrauen in die eigene Kraft und ihr tiefer, unverbrüchlicher Glaube lässt uns auf dem Rückweg schweigsam werden.

Der immer noch grauwolkige Himmel im Kontrast zu den sanften Heidehügeln mit eingestreuten, runden Schärenfelsen und den im Wind über den Moorflächen schwingenden weißen Wollgrasblüten, verstärkt die Intensität unseres Erlebten. Jeder von uns ist still, in die eigenen Gedanken versunken. So gehen wir gemeinsam zurück zum Schiff. Ein intensiver, kraftvoller Ort.

 

„Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“

Philipper 4, 13

 

Wir runden das Kap

Wir verlassen die Insel Selja, setzen Doris wieder in ihrem Heimatort Selje ab und nehmen Kurs auf Statt. Das RCC Pilot Book Norway schreibt dazu: „The Stattlandet peninsula protrudes like an angrily clenched fist, creating the west coast´s most notorious offshore passage. Statt can create its own bad weather even when conditions in the sounds to its south are gentle. It is considering so dangerous that an escort service by NRSS, the Norwegian Lifeboat Service, for small boats is provided.“

Beim Kap Statt trifft die Nordsee auf das Europäische Nordmeer. Seit Jahren wird in Norwegen darüber diskutiert, ob es Sinn macht, einen Tunnel an der schmalsten Stelle durch das Bergmassiv zu bauen. Einen Tunnel, der in seinen Dimensionen so groß sein soll, dass er auch Kreuzfahrtschiffen die Passage ohne Rücksicht auf das Wetter und damit Zeitverlust ermöglichen soll. Ist es Machbarkeitswahn oder sinnvolle Sicherheitsmaßnahme?

Wir jedenfalls runden Statt erfolgreich und ohne Schaden. Doch auch wir erleben, sobald wir auf offener See sind, wie sich trotz absolut ruhiger Bedingen im Sund südlich der Halbinsel eine kurze, steile und völlig konfuse Kreuzsee bildet.

Die MAREVIDA schlingert, hüpft und fällt in die entstehenden Wellensysteme, dass die Gischt nur so spritzt. Nicht die angenehmsten Bedingungen. Bei zweien von uns sieben werden die Nasen denn auch etwas weiß, der Blick haftet starr am Horizont – Vorboten von Seekrankheit. Doch bevor sie wirklich zuschlagen kann, schlüpfen wir wieder in den Schärengarten nördlich des Kaps. Die Schären halten die Wellen ab, die See wird platt wie ein Teich und wir laufen kurz darauf unseren Ankerplatz `Rolfsbukta´ vor der kleinen Schäreninsel RAUDØYA an. Wie immer fahren wir den Ankerplatz einmal unter Maschine ab und loten die Tiefen. Wir planen ein, wie weit unser Schiff bei einem Wechsel der Tide oder des Windes schwojen wird. Der Anker bildet die Mitte eines Kreisbogens, das ein Schiff bei entsprechenden Wind- oder Strömungsbedingungen um ihn treibt. Bei unserer Schiffsgröße und zum Beispiel 60 Meter Ankerkette kommt da schnell ein Durchmesser von 150 Metern zusammen. Da sollte keiner der umliegenden Felsbuckel, die rundherum aus dem stillen Wasser ragen, zu nahe sein. Der Ankergrund ist Schlamm auf Felsboden und hält erst im zweiten Anlauf. Dann aber beißt der schwere Manson-Anker und auch das Einfahren mit Maschine in Rückwärtsfahrt vermag ihn nicht mehr zu bewegen. So können wir nachts auch bei einem eventuellen Witterungsumschwung sicher schlafen. Trotzdem stellen wir am GPS einen Ankeralarm ein. Sollte das Schiff aller Vorsicht zum Trotz auf Drift gehen – wir würden es hören. Und natürlich gehen wir eine Ankerwache. Co-Skipper Nikolas und ich wechseln uns ab und schauen auch in der Nacht alle zwei Stunden aus dem Luk und peilen, ob der Anker unverändert hält.

Aber zunächst einmal kommen die Angeln raus. Die Stille der Bucht, die vielen Seevögel und der einsetzende Nieselregen versprechen Erfolg. Jan Hendrik trotzt dem Regen, während wir schon um den warmen Salontisch sitzen. Und tatsächlich beißen auf seinen Pilker schon nach kurzer Zeit zwei anständige Pollack/Steinköhler (Familie: Dorsch). Karsten bereitet sie für den morgigen Tag zu küchenfertigen Filets. Es wird eine friedliche Ankernacht. Die Sonne verschwindet nur noch für zwei Stunden hinter dem Horizont und wir sitzen noch lange gemeinsam im Salon und lassen die reichen Eindrücke des Tages Revue passieren.

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